Sagen was ist

Auf diesen WWW-Seiten wird nicht diskriminiert. Was bedeutet das für ihre sprachliche Gestaltung?

23. Juni 2022 von Klaus Meier
 

Gendern ist mit oder ohne Anführungszeichen angesagt. Ich empfinde das als eine Zumutung, weil ich meine sprachliche Grundausbildung in den Neunzehnhundertachtzigern abgeschlossen habe, und mir seitdem die Entwicklung meiner Ausdrucksfähigkeit bereits durch mehr als eine Rechtschreibreform erschwert wurde.

Begründet werden diese Neuerungen mit dem erleichterten Erlernen der Grundlagen des Deutschen und der Beendigung von Diskriminierung durch Sprache. Jede dieser Reformen bedeutet für mich, die eigene Sprache in Teilen neu erlernen zu müssen. Sprache lernen macht mir sogar Spaß, besonders wenn ich in den Fremdsprachen, die ich einigermaßen beherrsche, mir neue Ausdrucksmöglichkeiten und Nuancen entdecke, die im Deutschen nicht existieren. Leider führt die akademisch-bürokratische Umgestaltung des Deutschen mittels der Rechtschreibreformen und nun der so genannten Geschlechtergerechtigkeit in meiner Wahrnehmung eher zu einem Verlust an Nuancierung und Ausdrucksmöglichkeiten.

Ich bin ich offen für die Auseinandersetzung mit den genannten Problemen und finde auch, dass wir Sprechenden und Schreibenden mit unseren Ausdrucksweisen zur Verwirklichung einer besseren oder schlechteren Welt beitragen können. Wir müssen unsere Sprache bewusst weiterentwickeln.

Weil die angesprochenen Probleme von Bedeutung sind, verdient die Auseinandersetzung mit den zahlreichen Versuchen, eine „geschlechtergerechte Sprache“ durchzusetzen, viel Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit und Präzision in sprachlicher wie in sachlicher Hinsicht.

Der Schlussredakteur der Berliner Zeitung Ingo Meyer hat für sein [1] Essay zum Thema [2] den Theodor-Wolff-Preis des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) erhalten. Das ist für sich genommen noch kein Beleg für die Richtigkeit der im Essay verteidigten Positionen. Wenn Ingo Meyer im Interview berichtet, wie er seinen Text im Verlauf mehrerer Monate entwickelt hat, gewinnt er jedoch Glaubwürdigkeit jenseits seines Inhalts . Dem Autor ist ein eleganter Text gelungen, der bei allen humorigen Spitzen ernsthaft und aufrichtig ist. Haltung und Inhalt passen zusammen. Als Liebhaber der deutschen Sprache und praktizierender Schreiber werde ich mich deshalb an seinen Erkenntnissen orientieren.

Ich werde alle Versuche unterlassen, meine Texte mit Gewalt „gendergerecht“ zu machen und anstelle dessen genau darauf achten, bei allen Themen präzise zu sagen, um wen und um was es geht. Das schulde ich allen, über und für die ich schreibe. Soviel Respekt muss sein.


[1Hier verwende ich den Begriff Essay als Neutrum

[2Link: Das Märchen vom Gendersterntaler von Ingo Meyer, erschienen in der Berliner Zeitung vom 15.5.2021

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