Taxifahrer-Glossar

Vor 12 Jahren verabschiedete sich Kollege Uli Hannemann mit lustigen Texten über seine Erlebnisse und einem Taxi-Glossar aus dem Kutscherleben. Seitdem ging es mit Taxi weiter wie immer: Bergab. Jedes Mal, wenn man dachte, es könnte nicht schlimmer werden, wurde es schlimmer. Komisch, trotzdem machen immer wieder neue Taxibetriebe auf.

7. September 2021 von Klaus Meier, Uli Hannemann
 

Fast schon nostalgische Gefühle kann man bei der Lektüre dieses Glossars bekommen. Im Prinzip ist immer noch alles wie Kollege Uli es beschreibt, nur der Sprechfunk ist Geschichte, Raider schon lange Twix und das LEA heisst jetzt LABO. Der Große Gelbe hat als Erzfeind abgedankt und dem Uberauto.Platz gemacht. Ironie der Geschichte, der Übermensch kehrt als Uber-Taxi in sein Geburtsland zurück, aber lassen wir das. Hier geht es um das tolle Glossar. Wer sammelt sonst Begriffe, die das wirkliche Leben ausmachen. Für Taxifahrer haben sich seit 2009 ein paar Worte geändert, die Probleme sind geblieben. Und schlimmer geworden. Erstaunlich, wie es Politik und Taxi-Bosse schaffen, den Kutschern die Löhne immer weiter zu drücken. Dank Stütze geht auch Minuslohn, die Taxi-Alternative zum Mindestlohn. Hauptsache man ist krankenversichert und muss nicht auf der Straße pennen.

Im Buch macht Uli Hannemann die Rechnung auf, wie Taxifahrer in den nuller Jahren immer wieder Minuslohn bekamen, also Geld zur Arbeit mitbringen mussten. Daraus hat sich mittlerweile ein perverses System entwickelt, bei dem nur noch die Bosse kassieren. Die Angestellten leben von Mini-Rente, Frau und Stütze, und seit Anfang August sind Kutscher den Uber-Fahrern ohne Ortskunde gleichgestellt. Lesen Sie das Glossar, besorgen Sie sich das Buch, dann bekommen Sie eine Ahnung davon, wie sich das Kutscherleben anfühlt.

Aus dem Buchhandel ist das Paperback schon lange raus. Vielleicht hat der Autor noch ein paar Exemplare zu verkaufen. Bestimmt freut er sich über Gäste bei seinen Auftritten. Das kann lustig werden.

Auftritte von Uli Hannemann: http://ulihannemann.de/termine/

Das Taxifahrer-Glossar

Abschreiber: Nach der Schicht ausgefüllter Zettel mit sämtlichen Schichtdaten: Anzahl der überfahrenen Tiere, Rotlichtverstöße, gerauchte Zigaretten und Leerkilometer.

Auftragslage: Notorisch schlecht. Hauptursache des Gejammers.

Bärchenfunk: Zusammenschluss der schlechtestbeleumdeten Funkgesellschaften Ost und West, eine Light-Version des Hitler-Stalin-Pakts. Die Wagen der Teilnehmer ziert der gelbe Umriss eines Schimpansenkopfes (beabsichtigt war wohl ein Bär).

Blitzer: Schlimmster Feind des Taxifahrers neben —>Patient, —>Mörder und Ordnungsamt. Misst und beweist Rotlicht- und Geschwindigkeitsverstöße. Noch fieser ist das sogenannte —>Fernglas.

Bock: »Ich sitze seit fünfzehn Stunden/Jahren auf dem Bock«, sagt der —>Kutscher, der die Dauer seiner —>Schicht oder Berufstätigkeit umschreibt. Ursprung ist der Kutschbock der Pferdedroschke, schon früher ein beliebter Platz zum Schlafen, Trinken und Meckern.

BO Kraft: Die »Verordnung über den Betrieb von Kraftfahrzeugen im Personenverkehr« reglementiert, reguliert und stranguliert alles rund ums Gewerbe.

Bus: Natürlicher Widersacher des —>Taxis. Der Bus ist schwerfällig, immer im Weg und nimmt Unmengen —>Fahrgäste weg.

Dachleuchte: Siehe —>Fackel, —>Hungerleuchte.

Datenfunk: »Mäusekino«. Die digitale Auftragsanzeige dient speziell bei flüchtiger Kenntnis der Landessprache als nützliche Weiterentwicklung des Sprechfunks.

Donnerstag: Trügerisch nah am einträglicheren —>Wochenende ist der D. dann doch nur eine allwöchentlich wiederkehrende enervierende Durststrecke.

Eichamt: Hängt ein Siegel an die Glocke und verlangt dafür hundert Euro. Eine feine Geschäftsidee, die leider dem Staat zuerst eingefallen ist.

Einsteiger: Fahrgast, der an der —>Taxihalte zusteigt. Ungebräuchlich hingegen ist der Begriff des Aussteigers.

Fackel: Jargon für Dachleuchte. Ist das Taxi frei, leuchtet die Fackel. Hat sie einen Wackelkontakt, fährt man selbst bei guter Auftragslage stundenlang durch die Stadt, ohne einen —>Winker abzubekommen. Anderntags gibt es trockene Brötchen.

Fahrer: Auch —>Taxifahrer, —>Kutscher, —>Kollege.

Fahrgast: Der —>Kunde im Taxigewerbe. Sitzt in Berlin gewöhnlich hinten und redet oft zu viel. Tritt auf als —>Einsteiger, —>Winker, —>Funkauftrag, —>Mörder oder —>Patient.

Falschmeldung: Die Geheimwaffe des unehrlichen Fahrers, der sich mit erfundenen —>Standorten —>Funkaufträge erschwindelt, die ihm nicht zustehen.

Farwolf: Eine Art Werwolf auf Rädern. Zwitterwesen zwischen Tag und Nacht, Mensch und Ungeheuer, Leben und Tod als Resultat der Verwandlung eines Menschen in einen —>Nachtfahrer.

Fehlfahrt: Der Fahrgast, der mich bestellt hat, ist einfach ins nächstbeste freie —>Taxi gestiegen. Am —>Halteplatz stellt man sich wieder hinten an.

Feierabend: Vor allem für den —>Nachtfahrer eher ein Feiermorgen. Einen typischen Taxifeierabend zeigt der Film »From Dusk Till Dawn« (Rodriguez/Tarantino).

Fernglas: Hundsgemein. Im Gegensatz zum auffälligen —>Blitzer ist das hinter Büschen oder Fahrzeugen versteckte Laserfernglas der verbeamteten Straßenräuber nicht zu sehen.

Fuhre: Grundeinheit: Eine Ladung —>Fahrgäste auf eine einfache Strecke Start-Ziel. Auch —>Tour.

Funkauftrag: Ein —>Kunde ruft bei der Funkzentrale an, die den Auftrag an die bei ihr angeschlossenen Teilnehmer vermittelt. Das kann dauern.

Funkdisziplin: Erst kauen und runterschlucken, dann sprechen. Stets in der —>Funksprache und unter Angabe der —>Konzessionsnummer. Die Anrede ist das »Sie«. Keine —>Falschmeldung und keine Beleidigungen.

Funkel, Friedhelm: Bundesligatrainer. War schon mal —>Fahrgast.

Funkkraftdroschke: Amtsdeutsch für —>Taxi.

Funkkurs: Geldabknöpfmaschine für —>Fahrer, die am —>Funkverkehr teilnehmen wollen. In einer die Intelligenz jedes Halbprimaten bis aufs Blut beleidigenden Prozedur liest der Prüfer Fragen und Antworten (9 vom Blatt ab und verbessert die Rechtschreibfehler der Kursteilnehmer. Die erhalten dafür den —>Funkschein.

Funkmariechen: -—>Kollegin, die noch nicht lange im Gewerbe tätig ist.

Funkordnung: In Wortlaut und archaischer Idee des Rachegedankens bereits im Alten Testament angelegtes Pamphlet zur Befriedung der Funkteilnehmer. Ein von der —>Funkzentrale (Hauptleiden: rechtsohrige Taubheit) allzu oft tendenziös angewandtes Instrument zur Wahrung der —>Funkdisziplin.

Funkschein: Ohne darf man nicht funken. Könnte man aber, siehe —>Funkkurs. Auf keinen Fall ist der F. zu verwechseln mit dem —>P-Schein.

Funksperre: Verstößt ein -*Kollege gegen die —>Funkordnung (siehe —>Falschmeldung, —>Funkdisziplin), wird er vorübergehend vom —>Funkverkehr ausgeschlossen. Gegen die nachfolgenden Diskussionen nimmt sich frühkindliches Sandkastengekloppe aus wie bilaterale Wirtschaftsverhandlungen.

Funksprache: Aus der - Funkordnung: »Die Funksprache ist Deutsch.« Stimmt nicht.

Funkverkehr: Wenn zwei Funkwellen auf derselben Frequenz schwingen, ziehen sie sich zusammen in den Äther zurück und haben Funkverkehr. Dabei kommt es nicht auf die Wellenlänge an, eine gemeinsame Polarisationsebene ist viel wichtiger. .

Funkzentrale: Vermittelt die —>Funkaufträge unter Aufbringung größtmöglicher Pampigkeit an die Teilnehmer, die immerhin für diese Dienstleistung bezahlen. Im Gegensatz zum —>Datenfunk herrscht beim —>Sprechfunk Willkür bei der Auftragsvergabe - lohnende —>Touren gehen stets an dieselben Amigos (»ich hab sonst niemanden gehört«).

Gejammer: Was dem Vogel der Gesang, ist dem Taxifahrer das Gejammer - eine längst unbewusste Grundmelodie. Hauptstrophen sind —>Blitzer, —>Patienten, —>Fahrgäste, —>Mörder, —>Busse und —>Auftragslage.

Gewitter: Codierte Warnung vor Geschwindigkeitskontrollen in Anspielung auf den Blitz des Radars, siehe —>Blitzer.

Glatteis: Theoretisch ist es verboten, über Funk vor —>Radarfallen zu warnen. So hört man stattdessen »Auf der Soundsostraße bitte recht freundlich«, »Gewitter in der Irgendwoallee« oder eben »Glatteis im Dingsdaweg in der 30er-Zone!« Führt im Winter manchmal zu Missverständnissen und —>Unfall. Glocke: Jargon für die fälschlich oft Taxameter genannte Tarifanzeige. Etymologische Herkunft ungewiss, hat früher wohl alle zehn Kreuzer gebimmelt.

Halteplatz: Siehe —>Taxihalte.

Hungerleuchte: Jargon für —>Dachleuchte (siehe auch —>Fackel). Eine Anspielung auf die gängige —>Auftragslage.

Innung: Letzte Berliner Taxifunkgesellschaft, die noch nicht dem Bärenhunger des Bärchenfunks zum Opfer gefallen ist.

Kasse: Bezeichnet sowohl das gebräuchliche schwarze Kellnerportemonnaie als auch die Höhe der Schichteinnahme.

Kollege: Geliebter Feind. Wo man in guten Zeiten rasch zu Hilfe eilte, wenn diese über Funk erbeten wurde, bleibt man heute eher weg. Hauptsache, einer weniger.

Kollegin: Als —>Nachtfahrerin selten. Ihren Nerven sei hiermit ein Denkmal aus goldenen Drahtseilen errichtet. Die Vorstellung, als Kollegin einen der üblichen —>Patienten transportieren zu müssen, ist für mich, weit vor Diskriminierung, Stöckelschuhen und Problemgeburt, der Hauptgrund, froh zu sein, dass ich keine Frau bin. Dafür sterbe ich auch gerne ein paar Jahre früher.

Konzessionsnummer: Die Ordnungsnummer, die sich hinten rechts an der Heckscheibe der —>Taxe befindet. Im Laufe der Jahre sickert die Konzessionsnummer zunehmend in die persönliche Identität des —>Fahrers ein. Auf Partys beginnt er, sich statt mit dem Vornamen als 6755 oder 543 vorzustellen. Da die einzigen Partys, zu denen man einen wie ihn noch einlädt, Taxifahrerpartys sind, fällt das kaum weiter auf.

Kunde: Ein alternativer Ausdruck für -—>Fahrgast. Gilt als ehrlicher, da er das irreführende Wort »Gast« vermeidet.

Kurzstrecke: Eine Eigenheit des Berliner Tarifsystems. Mit einem herangewinkten —>Taxi kostet eine Fahrt unter zwei Kilometern pauschal drei Euro fünfzig. Wer Discounttarife im Dienstleistungswesen propagiert, füttert auch Enten mit Salzstangen.

Kutscher: Zumindest in Berlin gebräuchliche Selbstbezeichnung für —>Taxifahrer. Siehe auch Bock, —>Funkkraftdroschke.

Laden: »Für welchen Laden arbeitest du denn?«, heißt es unter Kollegen. Kein Gemüseladen ist gemeint, sondern die Taxifirma. Auf dem Schaufenster steht »Taxifahrer gesucht«. Drinnen sitzt der Chef und guckt raus. Alle sind cool.

laden: Das Aufnehmen von —>Fahrgästen. Der dem Speditionswesen entlehnte Begriff soll (wie auch —>Fuhre) verschleiern, dass man Menschen befördert.

LEA: Schutzheilige der Taxifahrer. Erteilt, verlängert und entzieht —>P-Scheine. »Verwaltungsgebühren« genannte Opfergaben sollen die gierige und grausame Göttin gnädig stimmen, unterstützt durch auf der Strecke gebliebene Tieropfer in (ehemaliger) Katzen-, Marder- und Rattengestalt. Nach ihr hat sich übrigens auch das Landeseinwohneramt benannt.

Lederweste: Klassisches Utensil des Funkkraftdjangos. Vorzugsweise ein ranziges Original aus den siebziger Jahren, wo es besser auch geblieben wäre.

Meldung: Wo früher die kleine Schwester »Das sag ich Mama« quietschte, brummt heute der Kollege: »Ich schreib ’ne Meldung an die Zentrale.« Petzen ist beides.

Mörder: Der letzte —>Fahrgast der allerletzten —>Schicht.

Nachtfahrer: Fährt nur Nachtschichten. Hat entweder keine Familie oder wird bald keine mehr haben. König der Nacht oder Tagedieb, Farwolf oder Engel der Patienten, stolzer Uhu oder Unglücksrabe, Individualist oder Versager. Oder von allem ein bisschen?

Ortskundeprüfung: Größtes Hindernis auf dem Weg zum —>P-Schein. Hauptinhalt ist die sogenannte —>Zielfahrt.

Patient: Ein stark betrunkener —>Fahrgast, nicht selten zu Renitenz, Gewalttätigkeit, Übelkeit, Illiquidität oder artverwandten Problemen alkoholinduzierten Ursprungs neigend. Auch »Strammer Max«, »Blauer Engel«, »Liegendtransport« und neuerdings »Problembär« genannt.

Personenbeförderungsschein: Weitaus häufiger zu lesen und zu hören in der Kurzform —>P-Schein.

P-Schein: Gängige Abkürzung für —>Personenbeförderungsschein. Für Taxifahrer ist diese Erlaubnis zum gewerbsmäßig ausgeübten Personentransport zwingend vorgeschrieben. Wird auch als »Pest-schein« oder »Taxischein« bezeichnet.

P-Schein- Verlängerung: Wird am Opferaltar der —>LEA beantragt. Schwierigste Hürde ist der doppelte AA-Test. Dahinter verbirgt sich die Alkoholismus-und Augenuntersuchung beim Amtsarzt. Das Mitführen genügend kleiner, gebrauchter und nicht nummerierter Banknoten wirkt manchmal Wunder (»Lazaruszulage«).

Radarfalle: Meist als —>Blitzer oder —>Fernglas. Die hohen Bußgelder bewirken, dass besonders schnelle —>Nachtfahrer tagsüber als Arzt oder Anwalt arbeiten müssen, um sich den Taxiberuf überhaupt noch leisten zu können.

Rufsäule: Dient eigentlich der telefonischen Bestellung des am —>Halteplatz vorne stehenden —>Kollegen. In der Regel rufen jedoch Kinder aus dem benachbarten Hochhaus an, die sich freuen, die Fahrer wieder und wieder aus dem Auto krabbeln zu sehen, nur um an der Rufsäule angelangt ein Freizeichen oder spontan gequiekte Beleidigungen in Empfang zu nehmen.

Schicht: Eine Arbeitseinheit, stets länger als erlaubt. Würden sich —>Fahrer und —>Läden an sämtliche verkehrs-, steuer- und sonstwierechtlichen Bestimmungen halten, gäbe es kein —>Taxi mehr. Die Behörden drücken beide Augen zu, damit die Einnahmequelle nicht versiegt.

Schnauze voll: Neben Leberzirrhose, Schlaflosigkeit, Lungenkrebs, Verkehrsunfall, Magengeschwür und versehentlichem Begrabenwerden aufgrund unterbleibender Lebensreflexe ist die S. v. der Hauptgrund für einen vorzeitigen Berufsausstieg.

Silvester: Die —>Taxen werden knapp. Leute wollen nach Hause oder woanders hin. Endlich einmal wird man so richtig gebraucht, und die Kasse stimmt dazu. Sofern man sie überlebt, die schönste Nacht des Jahres - sie sollte nie zu Ende gehen.

Sprechfunk: Ein aussterbendes Relikt, das zunehmend durch Datenfunk ersetzt wird. Keine andere Erinnerung an das Taxifahren gräbt sich derart ein wie das jahrelange Rauschen und Maulen, Knattern und Knarzen, Witzeln und Schimpfen. »Wie verstehen Sie da bloß ein Wort?«, fragen mich oft —>Fahrgäste. »Man gewöhnt sich dran«, sage ich dann. Aber mehr als ein Wort verstehe ich selber nicht.

Stadtrundfahrt: Wird ironischerweise gern von Patienten verwendet, die alkoholbedingt nicht wissen, wo sie sich befinden. »Vorsicht, Freundchen - ick will aba keene Stadtrundfahrt« soll heißen: Er, der —>Patient, sei hellwach und passe auf wie ein Schießhund, dass ich, der —>Fahrer, nicht statt auf dem kürzesten Wege von A nach B gewaltige Umwege fahre, nur um ihn, den vermeintlich Betrunkenen, auf diese Weise bösartig zu prellen. Sollte ich dies trotz seiner deutlich gelallten Warnung dennoch versuchen, gebe es einen Riesenärger. Den gibt es aufgrund seines eingetrübten Urteilsvermögens allerdings ohnehin.

Standort: Die Position jeder —>Funkkraftdroschke in Fahrt oder am Halteplatz. Entscheidendes Kriterium für die Erteilung von —>Funkaufträgen.

Stasi: Wer zu DDR-Zeiten in der »Fahrbereitschaft« der Stasi gearbeitet hatte, kam nach der Wende oft im Taxigewerbe unter. Passt.

Student: Das Taxigewerbe wurde lange Zeit erheblich von Studenten mitgetragen. Die flexible Zeiteinteilung und die Möglichkeit einer schnellen Mark war für deren Erfordernisse ideal. Die Wandlung der schnellen Mark zum langsamen Euro hat die Attraktivität des Taxijobs verringert. Der Student arbeitet nun im Callcenter.

Storchenfahrt: —>Tour zur Entbindung. Oft ist der —>Fahrer aufgeregter als Vater und Mutter zusammen.

Tagfahrer: Steht den ganzen Tag am -—>Halteplatz und im Stau. Keiner weiß, wovon er lebt. Aufgrund exzessiven Zeitungs- und Radiokonsums ein wandelndes Nachrichtenmagazin.

Taxameter: Episches Versmaß, in dem der Taxifahrer Ausreden für Umwege oder Phantasiezuschläge erdichtet.

Taxe: —>Taxi.

Taxi: —>Taxe. Auto mit elfenbeinfarbener Lackierung.

Taxihalte: Auch —>Halteplatz, Taxistand, Taxihalteplatz. Zweites Zuhause des Taxifahrers. Dort zieht sein ganzes Leben langsam an ihm vorüber, unterbrochen nur durch gelegentliche —>Einsteiger oder das Klingeln der Rufsäule.

Taxifahrer: -—>Fahrer des —>Taxis. Ist oft traurig und hat es nicht leicht.

Taxifahrerlatein: Eine taxispezifische Variante des Jäger- bzw. Anglerlateins: Die sagenhafte Tour nach Paris. Das Dreihunderteuro —>trinkgeld. Die Busladung Touristen, für die man beim Türsteher im »Club Michelle« zusammen zweitausend Euro Kopfprämie kassiert hat. Die schöne Bundestagshinterbänklerin, die den Arglosen nachts an der verwaisten Taxihalte Kladow Kirche vernaschte. All Baba und die vierzig Räuber, die man bei deren versuchtem Taxiraub (»Ick hab nur laut >buh< jemacht, da sind die Helden aber jeflitzt«) in die Flucht schlug. Auch prägende Begegnungen mit Prominenten gehören unbedingt dazu. Rekordstandzeiten an Taxiständen oder Negativumsätze sind dagegen niemals Bestandteil des Taxifahrerlateins.

Tour: Siehe —>Fuhre.

Trinkgeld: Verschwommene Erinnerung: Der kleine —>Taxifahrer ist vier Jahre alt. In der Luft hängt ein Duft von Apfel, Nuss und Mandelkern. Es ist Heiligabend. Durchs Schlüsselloch späht er neugierig ins Weihnachtszimmer. Auf einmal brennt der Baum. Und die Geschenke ebenfalls. Er weint und schreit, ein traumatisches Erlebnis, das ihn noch heute jedes Mal wieder quält, wenn er kein T. erhält.

Unfall: Ein —>Taxifahrer ist niemals schuld. Trifft das tatsächlich auch objektiv einmal zu, hat er den U. möglicherweise provoziert, denn jeder fremdverschuldete U. lohnt sich für den —>Laden. Es gibt Läden, in denen den -—>Fahrern dafür Prämien bezahlt werden.

Wannsee: Abgelegener Nobelvorort im Südwesten Berlins. »Aber nicht über Wannsee« gilt als weniger aggressiv als »Ick will keene —>Stadtrundfahrt!«

Winker: Der Idealfall. Im Gegensatz zu Einsteiger und —>Funkauftrag muss man auf den Winker nicht warten, denn er steht, Geschenk des Himmels, plötzlich am Straßenrand und winkt das freie —>Taxi heran. Beim —>Fahrer bewirkt der Anblick des Winkers die Ausschüttung von Glückshormonen, ähnlich wie beim Pilzesuchen.

Winter: Die Hauptsaison für das Taxigeschäft, quasi das —>Wochenende unter den Jahreszeiten. Kälte und Wetter treiben die —>Kunden direkt in die Netze der elfenbeinfarbenen Menschenfischkutter.

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Wochenende: Hausse für -—>Nachtfahrer. Angenehm ist die —>Schicht von Freitag auf Samstag. »Der Edle geht am Freitag aus«, heißt es nicht umsonst schon bei Konfuzius. Samstagnacht ist hingegen geprägt durch ermüdend weit in den Morgen verschobene Geschäftsspitzen sowie eine Klientel aus —>Mördern, —>Patienten, Nervensägen und Verrückten. Die fette Kasse ist ein Pyrrhussieg.

Zielfahrt: Zentraler Bestandteil der Ortskundeprüfung zur Erlangung des P-Scheins: Die Prüfer stellen dem Prüfling Fragen zum Beispiel folgenden Inhalts: »Nennen Sie uns den kürzesten Weg vom Holocaust-Mahnmal zum deutsch-französischen Volksfest sowie die Namen sämtlicher Straßen und Plätze auf der Strecke.« Den imaginären —>Fahrgast hätte ich ja gern mal kennengelernt.

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